Ricky

Bei der Pressevorführung von Francois Ozons „Ricky“ verließen nach ca. genau der Hälfte einige, einige viele der Kollegen das Kino. Und ich habe Anlass, in Vorurteilen gegen das Filmjournalistenpack zu schwelgen, das in diesen Tagen hier so zahlreich umeinanderstolpert. Dass diese Leute nämlich schlicht enttäuscht waren, ja, sich von Ozon getäuscht fühlten.
Der fängt nämlich ganz bitter an, mit einer Frau, Katie, die beim Sozialamt um Hilfe bittet: sie kommt mit zwei Kindern nicht mehr zurecht, will das Baby abgeben. Dann Rückblende, mehrere Monate vorher: wie sie bei einer Rauchpause in der Fabrik Paco kennenlernt, ihn gleich für einen Quickie im Klo begleitet. Wie er bei ihr einzieht, wie ihre Tochter Lisa höchst reserviert ist. Wie dann das neue Baby da ist: Ricky. Wie Paco nichts mit ihm anfangen kann. Wie da blaue Flecken auf Rickys Rücken erscheinen.
Ein sozialrealistisches Drama also um eine dysfunktionale Familie, um emotionale Verkommenheit, um die Umstände in der Unterschicht, um die Trostlosigkeit, darum, wie mit einem neuen Baby vielleicht etwas Glück erhofft werden kann. Um die Neuverteilung der angestammten Plätze im Familiengefüge. Ozon setzt alle Zutaten mustergültig ein, nimmt immer wieder Lisas Blickwinkel ein, die sich ausgegrenzt fühlt, wenn Paco, später Ricky ankommen. Die schon in der ersten Familienszene Katie bemuttert, sie weckt, Frühstück macht, sie dazu anhält, arbeiten zu gehen. Die Mutter also eher unreif, die Siebenjährige wird in eine Erwachsenenrolle gedrängt, Paco eher teilnahmslos und vor allem an Katies Körper interessiert. Und hilflos gegenüber dem Baby. Dann der Verdacht, er habe es geschlagen. Und sein Verlassen der Familie.
Genau die tragische Unterschichtsgeschichte, in der sich die wohlsituierten Journalisten so gerne suhlen, in einem überlegenen Gefühl, aber mit gönnerhaftem Mitleid. Und dann macht der Ozon das, was er getan hat! Stellt alles auf den Kopf, nein: ändert völlig den Ton, lässt alle Erwartungen ins Leere laufen, die er zuvor so sorgfältig aufgebaut hat, kommt hin zum Fantastisch-Märchenhaften, ja: geradezu Albernen! Das kann durchaus als Verrat am Zuschauer empfunden werden, wenn man nicht die nötige Flexibilität des Geistes aufbringt. Hier wird’s plötzlich witzig, und das können viele nicht verzeihen (laut meiner voreingenommenen Meinung). Dabei wird jetzt der Film erst wunderschön, nicht nur wegen der fantastischen Wendung, auch wegen Ozons meisterhaftem Spiel mit den filmischen Mitteln, die er immer wieder einsetzt, um falsche Fährten zu legen.
Und wenn die Kritiker dageblieben wären, wären sie am Ende vielleicht doch noch befriedigend belohnt worden. Weil ja – das ist Interpretationssache – alles metaphorisch gesehen werden kann, wenn man denn will, als Allegorie auf den Tod zum Beispiel oder auf das Glück, oder als Traum von Katie, oder von Lisa.
Vielleicht hatten die Kinosaalverlasser ja auch einfach keine Zeit mehr; diese zweite Pressevorführung war ja mit 30 Minuten Verspätung gestartet. Wieder versöhnt?

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