Hmm. Natürlich waren jetzt all meine Blogtexte doch ziemlich huschhusch dahingewetzt. Getippt während des Frühstücks oder kurz vorm Bettgehen oder eben doch irgendwann zwischen den Filmen im Journalisten-PC-Pool... Und dieser Beitrag nun wird auch sehr schnell reingehackt. Weil die Kinder noch wach sind, und neben mir "Auf der Mauer auf der Lauer" tönt.
Ich merke, dass ich in meinem letzten Text zu schönen Filmzitaten einiges vergessen habe.
Die schönste Untertitelung war schon gleich am Anfang der Berlinale zu lesen gewesen, in "The International". Wenn Naomi Watts von Clive Owen aus dem Film geschmissen wird, wehrt sie sich: "No fucking way!" Im Untertitel übersetzt: "Kannst du knicken." Wüsste gern, wie dieses Dilemma in der deutschen Synchro gelöst wurde; andererseits werd ich den Film wohl kaum noch einmal sehen...
Der beste Dialog aber im so ziemlich besten Film des Festivals, im "Knochenmann": Da beschwert sich der Hader beim Bierbichler, der den Wirt spielt, dass bei ihm der Gast ja wohl kaum König sei. Bierbichler darauf: "Das ist ein Wirtshaus, kein Gasthaus."
Und noch ein Zitat: "[...] und dann haben seine Tage und seine Kollegen [...] langsam zu verschwimmen begonnen. Und das ist ein eigenartiger Effekt bei den meisten Menschen, da ist der Brenner keine Ausnahme gewesen. Du fürchtest nichts mehr, als dass dein Leben nur noch aus Arbeit besteht, dass du nur noch wie ein Hamster im Rad dahinläufst. Aber wenn du [...] keine Chance hast, dass du aus dem Rad herauskommst, muss sich irgendwas im Hirn umstellen. Das muss so ähnlich sein wie bei den Marathonläufern, die diese gewissen Substanz absondern, dass ihnen das Laufe auf einmal ganz leicht fällt. Irgendwie hat es der Brenner genossen, dass er vor Arbeit nicht mehr zum Denken gekommen ist. So wie es ja auch die Marathonläufer oder, sagen wir, die Manager genießen, dass sie nicht zum Denken kommen, sondern immer nur fest die Substanz absondern."
Nach ein paar Tagen Filmfilmfilm habe ich eine ganze Menge Substanz abgesondert; und, o Wunder: nach sechs Stunden Zugfahrt war ich wieder raus aus dem Laufrad Berlinale. Was vielleicht ja mit an der Lektüre von Wolf Haas' "Komm, süßer Tod" lag, der ich das obige Zitat entnommen habe.
muehlbeyer - 15. Feb, 19:52
Endlich ist der Fehler gefunden: mein Account war falsch angelegt gewesen. Jetzt hab ich all meine Beiträge vom alten in den neuen Blog übertragen, mit dem Ergebnis, dass die Reihenfolge des Einstellens nicht immer stimmt. Naja. Damit muss ich leben.
Wäre ich früher hier in diesem schönen, eigenen Blog gewesen, hätte sich ganz web2.0-mäßig eine Diskussion um schöne Dialogsätze in (vielleicht nicht immer so guten) Berlinale-Filmen entspinnen können. Jetzt ist natürlich kaum mehr Zeit für Leser, mitzuarbeiten. Und noch ein Problem: Ich kann mir Filmzitate ganz schlecht merken; ähnlich wie Witze. Wenn ichs höre, weiß ich: kenn ich. Aber aktiv rausbuddeln: Fehlanzeige.
Bei ca. 1000 Filmen ist aber doch was hängen geblieben. Wobei es der schönen Sätze etwa in "Cheri" oder "Pink Panther 2" zu viel waren: da kann ich mich an fast keine mehr erinnern (außer: In Cheri das schöne Kompliment der Kathy-Bates-Kurtisane an die Michelle-Pfeiffer-Kurtisane: "Du riechst so gut. (Pause) Findest du nicht auch, dass das Parfum viel besser haftet, wenn die Haut schlaffer wird?. Und in Pink Panther wird das "Hamburger"-Gestottere des ersten Teils wiederaufgenommen, um dann später zu fugenähnlichen Variationen über dem Thema Jojoba-Shampoo ausgebaut zu werden).
In "Mammoth", und das hätte man diesem Film, dessen Tenor banal und letztlich dumm ist, gar nicht zugetraut: "Der richtige Mann für mich ist noch nicht geboren, und seine Mutter ist tot."
In "Dorfpunks": "Coverdale bei 'Whitesnake'? Echt? Coverdale? Howard Coverdale?!?"
Und ebenda der Versuch einer Anmache: "Ich bin übrigens Stalinist." - "Das hatten wir grade im Leistungskurs, Stalinismus. Das war doch voll schrecklich damals!" - "Deshalb bin ich ja Stalinist."
Jim Morrison in Tom DiCillos superb zusammengestellter Doors-Dokumentation "When You're Strange", die ganz aus originalem Doors-Filmmaterial besteht, beim berühmt-berüchtigten Miami-Konzert, als ihm einer ein Lamm in die Arme drückt: "I would fuck her, but she's too young."
muehlbeyer - 13. Feb, 19:06
Gerade in Angelopoulus' "Dust of Time", als es schon dem Ende zuging, ein Aufweckungserlebnis: Diese Szene kenn ich doch! Von letztem Jahr! Da waren nämlich Kollege S. und ich unterwegs, von Kino zu Kino, und mussten am Gleisdreieck umsteigen. Da stand eine Klezmer-Tanzband, Scheinwerfer, viele Leute, die warteten: kein Zweifel: Dreharbeiten. Zu welchem Film, das haben wir bis heute nicht gewusst. Aber jetzt ist er hier im Wettbewerb!
Wobei lustigerweise die letztjährigen Schilder wegen Gleisbauarbeiten auf der Strecke der U2 im Film deutlich zu sehen sind; auch die Dauer der Bauarbeiten, bis (wenn ich mich recht erinnere) 24. Februar. Nur die Jahreszahl der Datumsangaben ist schwarz durchgestrichen, weil die Szene an Silvester 1999 spielt.
Was unbeabsichtigt gut in den Film passt, der ohnehin Zeiten (und Orte) vermischt und verwirrt, von '53 bis Neujahr 2000. Und eben: bis zu den Berliner Baustellen des Jahres 2008.
muehlbeyer - 12. Feb, 19:05
Mein neuer, eigener, ganz persönlicher epd-Film-Blog scheint immer noch nicht zu funktionieren. Eigentlich sollte auf
http://www.blog-5.epd-film.de/ alles von mir drauf zu sein, aber, hmmm, ein paar Beiträge fehlen noch; und vor allem: ich kann mich dort zwar einloggen, aber keinen neuen Beitrag anlegen. Deshalb mach ich tapfer hier weiter!
Es ist sowieso inzwischen alles ziemlich matschig geworden; nachts schneit es, und morgens rutscht man fast aus. Die Schokolade fällt im Kino auf den Pulli, und man merkt erst lange später einen halbgeschmolzenen Fleck. Und im Kopf sowieso: wenig Schlaf und viele Filme. Da verwirrt sich das Denken, man will auch nicht mehr essen; man läuft auf Autopilot. Genau das gefällt mir, denn gute Filme kommen da immer noch voll durch ins Gehirn, und den schlechten gegenüber ist man gleichgültig.
Ohnehin vermischt sich jetzt alles. Mitchell Lichtensteins "Happy Tears" ist zum Beispiel so ziemlich das gleiche wie Rebecca Millers "The Private Lives of Pippa Lee". Typisches US-Independentkino einerseits, in dem die Bemühung um eine Abkehr von den Klischees schon selbst Klischee ist. Geschichten von verdrehten Familien und ihren verdrehten Mitgliedern: einmal müssen sich zwei Schwestern um den dement werden Pappa kümmern, einmal sucht die stets brave Ehefrau einen Ausweg aus dem Immergleichen. In beiden Filmen dabei lustige Imaginationen der Hauptfiguren, die ihre Wirklichkeit als unwirklich empfinden; schöne Gags. Interessant dabei: die Väter beider Filmemacher waren berühmte Künstler: Roy bzw. Arthur.
In Happy Tears in eine Nebenrolle: Patty d´Arbanville als Krankenschwester-Geliebte, Anfang der 70er berühmtes Groupie, der Cat Stevens einen Song gewidmet hat. Und, tata, gestern in "Cheri" Anita Pallenberg, Stones-Anhängsel, als alte Konkubine. Wieder eine Vermischungsverbindung! Cheri ist eine Historienromanze mit viel Kamera und Ausstattung und spitzem Dialog, aber ohne rechten Höhepunkt. Ohne Steigerungen. Was man halt so erwarten kann, wenns um Kostümierte geht, deren Liebe verboten wird und deren Ehen angeordnet werden. Julie Delpy erzählt in der "Gräfin" was Ähnliches. Aber, und das ist der Clou: sie erzählt es über die Blutgräfin Erzebet Bathory, die um 1600 über hundert Jungfrauen getötet haben soll, um in ihrem Blut zu baden. Volkslegende, Vampirmythos, Märchenmotive, Horrorelemente gehen auf sie zurück; und Delpy vermenschlicht sie zu einer leidenden Liebenden, in der Kummer, Täuschung, Enttäuschung zu Wut werden, zu Aggression, zur Obsession um ihre Schönheit, zur Mordlust schließlich. Und: Delpy baut noch eine weitere Ebene ein, erzählt alles im Konjunktiv, reflektiert die Legenden mit und lässt das Geschehen ambivalent offen. Einer der wirklich guten Filme, der durch den mich einlullenden Gehirnmatsch locker durchgedrungen ist.
muehlbeyer - 11. Feb, 19:04
Es wird Zeit, über Missstände zu sprechen. Über himmelschreiendes Unrecht, über skandalöse Zustände. Ich prangere an!
Erstens: Dieses sogenannte Weblog, das lustigerweise von der weltweiten Internetgemeinde nicht gefunden werden kann. Ja sicherlich: es hat subversiven Charme, hochkarätige Autoren ein WWW-Tagebuch schreiben zu lassen, das dann von der Öffentlichkeit konsequent und vorsätzlich ausgeschlossen wird. Sinn der Sache aber ist es nicht. Ich habe jedenfalls meine Fans, alle drei, persönlich anrufen müssen, um ihnen die korrekte, direkte URL für das alte epd-Film-Massenbloggeschreibsel mitzuteilen, das nicht mehr verlinkt ist mit der offiziellen Online-Präsenz dieser (vormals?) führenden Filmzeitschrift Deutschlands. Die hier aber kläglich versagt hat. Das prangere ich an!
Zweitens: Selters. Wir alle schätzen dieses urdeutsche Wasser, das durch einen tiefen Stein muss. Und noch gestern vormittag hätte ich Jubelchöre über dieses herrliche Nass in die Welt geschrieen, weil nun, dank dieses vorbildlichen Unterstützers der Berliner Filmfestspiele, endlich wieder Journalisten kostenlos labendes Nass angeboten bekommen. Keine dehydrierten, dem Austrocknen nahen Schreiberlinge, die mit letzter Kraft die Stufen des Berlinalepalastes hochkriechen, dürstend nach labendem Wasser! So war es die letzten Jahre: ausgemergelte Gestalten streiften umher in dieser Betonwüste, die nicht mehr wussten, ob sie nun einen Film oder eine Fata Morgana gesehen haben. Dieses Jahr aber: Selters. Schöne, blaue Flaschen, halblitervoll für den kühlen Genuss im Kinosaal.
Und dann. Selters, dieser multinationale Konzern mit Milliardenboni für seine Managerriege, dieser mutmaßliche Kriegstreiber und –profiteur (siehe 007!), dieser kaltherzige Erzkapitalist, der es nur auf unser Geld abgesehen hat, bei dem gute Taten sich stante pede in bare Münze auszahlen muss: die ersten Tage mit paradiesischem Manna für die Journalisten: das war nur ein Anfixen. Seit gestern: nur noch schwere Viertelliter-Glasflaschen mit Kronkorkenverschluss, die man nicht mitnehmen kann! Die von einem Normalmenschen ohne Spezialwerkzeug nicht geöffnet werden können! Wir sind doch auch menschliche Wesen! Und werden nun abgespeist mit lächerlichstem Werbemüll, der nur oberflächlich eine Labsal ist, eigentlich aber nicht zu gebrauchen. Und das nur, um dann hinterher sich zu rühmen für die eigene Samariterhaftigkeit! Heuchler! Heuchler! Uns am ausgestreckten Arm verdursten zu lassen! Das prangere ich an!
Und drittens, das hat die Kollegin Hallensleben in diesem Geheim-Blog schon angebracht: Bei Panorama-Filmen, in denen eigentlich für akkreditierte Journalisten freien Zugang garantiert ist, für die also keine Eintrittskarte geholt zu werden braucht, ist häufig genug der Zugang für Pressevertreter sehr, sehr streng kontingentiert. Dem Kollegen S. (ein anderer Kollege S.; es gibt da mehrere) wurde etwa der Zutritt verwehrt, weil „schon 20 Akkreditierte drin sind“. In einem 800-Plätze-Kino.
Nachfragen beim Berlinale-Pressebüro ergaben, dass die Zahl 20 totaler Quatsch sei. „Das sind Studenten, die wissen nicht, was los ist, die sagen halt irgendwas.“ Aber: man müsse schon eine halbe Stunde vor Beginn da sein, das sei ja klar. Es sei halt „mixed audience“, für Karteninhaber muss ja auch noch Platz sein. Dennoch bleibt der Eindruck, dass hier das Kontingent ziemlich zusammengeschrumpft ist – all die Jahre vorher waren nie irgendwelche Beschwerden dieser Art bekannt geworden. Auch bei ausverkauften Vorstellungen. Eine Behinderung der freien journalistischen Arbeit prangere ich jedenfalls auch an.
muehlbeyer - 8. Feb, 19:01
Bei der Pressevorführung von Francois Ozons „Ricky“ verließen nach ca. genau der Hälfte einige, einige viele der Kollegen das Kino. Und ich habe Anlass, in Vorurteilen gegen das Filmjournalistenpack zu schwelgen, das in diesen Tagen hier so zahlreich umeinanderstolpert. Dass diese Leute nämlich schlicht enttäuscht waren, ja, sich von Ozon getäuscht fühlten.
Der fängt nämlich ganz bitter an, mit einer Frau, Katie, die beim Sozialamt um Hilfe bittet: sie kommt mit zwei Kindern nicht mehr zurecht, will das Baby abgeben. Dann Rückblende, mehrere Monate vorher: wie sie bei einer Rauchpause in der Fabrik Paco kennenlernt, ihn gleich für einen Quickie im Klo begleitet. Wie er bei ihr einzieht, wie ihre Tochter Lisa höchst reserviert ist. Wie dann das neue Baby da ist: Ricky. Wie Paco nichts mit ihm anfangen kann. Wie da blaue Flecken auf Rickys Rücken erscheinen.
Ein sozialrealistisches Drama also um eine dysfunktionale Familie, um emotionale Verkommenheit, um die Umstände in der Unterschicht, um die Trostlosigkeit, darum, wie mit einem neuen Baby vielleicht etwas Glück erhofft werden kann. Um die Neuverteilung der angestammten Plätze im Familiengefüge. Ozon setzt alle Zutaten mustergültig ein, nimmt immer wieder Lisas Blickwinkel ein, die sich ausgegrenzt fühlt, wenn Paco, später Ricky ankommen. Die schon in der ersten Familienszene Katie bemuttert, sie weckt, Frühstück macht, sie dazu anhält, arbeiten zu gehen. Die Mutter also eher unreif, die Siebenjährige wird in eine Erwachsenenrolle gedrängt, Paco eher teilnahmslos und vor allem an Katies Körper interessiert. Und hilflos gegenüber dem Baby. Dann der Verdacht, er habe es geschlagen. Und sein Verlassen der Familie.
Genau die tragische Unterschichtsgeschichte, in der sich die wohlsituierten Journalisten so gerne suhlen, in einem überlegenen Gefühl, aber mit gönnerhaftem Mitleid. Und dann macht der Ozon das, was er getan hat! Stellt alles auf den Kopf, nein: ändert völlig den Ton, lässt alle Erwartungen ins Leere laufen, die er zuvor so sorgfältig aufgebaut hat, kommt hin zum Fantastisch-Märchenhaften, ja: geradezu Albernen! Das kann durchaus als Verrat am Zuschauer empfunden werden, wenn man nicht die nötige Flexibilität des Geistes aufbringt. Hier wird’s plötzlich witzig, und das können viele nicht verzeihen (laut meiner voreingenommenen Meinung). Dabei wird jetzt der Film erst wunderschön, nicht nur wegen der fantastischen Wendung, auch wegen Ozons meisterhaftem Spiel mit den filmischen Mitteln, die er immer wieder einsetzt, um falsche Fährten zu legen.
Und wenn die Kritiker dageblieben wären, wären sie am Ende vielleicht doch noch befriedigend belohnt worden. Weil ja – das ist Interpretationssache – alles metaphorisch gesehen werden kann, wenn man denn will, als Allegorie auf den Tod zum Beispiel oder auf das Glück, oder als Traum von Katie, oder von Lisa.
Vielleicht hatten die Kinosaalverlasser ja auch einfach keine Zeit mehr; diese zweite Pressevorführung war ja mit 30 Minuten Verspätung gestartet. Wieder versöhnt?
muehlbeyer - 7. Feb, 19:00
Gestern hab ich zudem einen Vier-Stunden-Film gesehen. Den ersten in meinem Leben, glaub ich. „Love Exposure“ heißt dieser neue Film von Sono Sion, der vor ein paar Jahren mit dem total bizarren und wunderbar verschachtelten „Strange Circus“ im Forum war.
Vor asiatischem Kino scheue ich mich normalerweise ein bisschen, weil ich immer das Gefühl habe, wenn mich in der Kultur nicht richtig auskenne, kapier ich den Film nicht ganz. Wenn ein Japaner sich verbeugt und irgendwas Abgehacktes schreit, weiß ich nicht, ob er jetzt den anderen zusammenscheißt oder sich unterwirft oder einen Heiratsantrag stellt.
Sono Sion aber ist total absurd, und das ist ja nun weltweit (un)verständlich. Die erste Stunde von „Love Exposure“ ist dementsprechend ziemlich stranger Zirkus: Yu ist Sohn eines Priesters, der als Witwer zum Katholizismus wechselte (in Japan) und der sich nach einer verunglückten verbotenen Liebesbeziehung trotz Zölibat ganz auf die Sünden seines Sohnes versteift, der genau deshalb erst Sünden begeht, um dem Vater zu gefallen. Der deshalb bei einem Meister eine Art Lehrgang macht: er lernt, per Digitalkamera im Kung-Fu-Stil den Mädels heimlich unter den Rock zu fotografieren. Und das ist mal eine spaßige Angelegenheit! So bizarr und gleichzeitig einfallsreich und akrobatisch!
Er lernt dann die Liebe seines Lebens kennen – das erste Höschen, bei dem er einen hard-on kriegt. Und wird – das sind die restlichen Filmstunden – ziemlich gebeutelt mit dem Gewinnen seiner geliebten Yoko. Weil die ihn erstmal nur als Miss Scorpion in Frauenkleidern kennt und glaubt, lesbisch zu sein (also ebenfalls pervers), was aber alles eine Intrige ist einer ganz ganz bösen Sektenchefin, die Yoko täuscht und sich selbst als Miss Scorpion ausgibt, um sie und Yu und seinen Vater und dessen Geliebte in die Verzweiflung zu treiben, damit sie der Sekte beitreten etc. etc.
Was zunächst als Groteske beginnt und völlig over the top ist, ändert dann seine Stimmung in Melancholie, ins Melodramatische. Die Liebesgeschichte wird auf dem Fundament gebaut, das die abgedrehte erste Stunde gelegt hat – sie ist aber ganz ernst gemeint. Und dennoch mit einer Menge camp-Elementen durchsetzt. Ein Spagat, der Sion durchweg gelingt. So dass seine 4 Stunden sich wie zweieinhalb anfühlen.
muehlbeyer - 6. Feb, 08:02
muehlbeyer - 6. Feb, 18:57
Liebe
Es ist mal Zeit, eine kleine Motivkette zu beschreiben: jüngerer Mann und ältere Frau in LIebe verbunden. (Also eine Abkehr von der alten patriarchalischen Kinotradition, dass das junge Mädel froh ist, wenn der ältere Herr um sie freit).
Da ist natürlich der "Vorleser"; und nach allem, was wir bisher wissen, wirds das auch in "Cherie" mit MIchelle Pfeiffer geben.
Gestern hat Keanu Reeves, wieder mal als Erlöserfigur mit riesigem Christus-Tattoo auf dem Oberkörper, Pippa Lee, mindestens 15 Jahre älter, aus ihrem einengenden Leben befreit.
Im Panorama findet in "White Lightnin", einem verstörenden Alptraumfilm, die Hauptfigur mit emotionalen Problemen, drogenzerstörtem Gehirn, bösen Hassfantasien und plötzlichen Gewaltausbrüchen ein bisschen Frieden bei der um einiges älteren Carrie Fisher ein bisschen Frieden. Bis er mit Messer und Schrotflinte wieder rumwütet.
Und in Julie Delpys grandiosem "Die Gräfin" wird die Titelfigur vor allem deshalb über hundert Frauen morden, weil sie an einer verlorenen Liebe leidet zum 18 Jahre jüngeren Daniel Brühl. Wobei das mit dem Morden so eine Sache ist: weil vielleicht nur Legende... Über den Film müsste man auf jeden Fall näher eingehen; aber jetzt keine Zeit. Ganz anders, als Historien-Serienmörder-Liebesfilm, hat der Film aber ein ähnliches Ende wie "White Lightnin", voll christlichem Wahn und Selbstzerfleischung.
muehlbeyer - 10. Feb, 08:35
i-public - 10. Feb, 08:35
Katrina. Der Hurrican von 2005. Das war ein ziemlicher Schock für Amerika. Und jetzt kommen die Filme zur Katastrophe raus; nicht nur aktuell im Kino, im „Benjamin Button“, auch hier auf der Berlinale.
„The Yes Men Fix the World“, und das bedeutet für die lustigen Antiglobalisierungclowns natürlich auch, hinter dem Hurrican herzuräumen. Beziehungsweise: das katastrophale Katastrophenmanagment zu verbessern. Denn in New Orleans wurde der Wiederaufbau privatisiert, und hässliche Wohnblocks der Unterschicht wurden abgerissen, obwohl sie gar nicht beschädigt waren. Um das Stadtbild zu verschönern. Um neue, schöne Wohnungen zu errichten für die, die mehr Geld haben. Um also die aus der Stadt zu halten mit weniger Kaufkraft. Andy Bichlbaum und Mike Bonanno geben sich flugs als Staatssekretäre aus und verkünden im Namen der Regierung, dass dieses Programm gestoppt wird, das nun unter dem Schutz der Politik wieder der Mensch, nicht mehr das Geld im Mittelpunkt steht.
Fliegt natülich gleich auf, ist aber lustig. Weil sich hier Wunschdenken für kurze Zeit in die Wirklichkeit überträgt In diesem ihrem zweiten Film haben die Yes-Men fünf, sechs ihrer Aktionen dokumentiert, Bichlbaum gibt sich etwa als Dow-Sprecher aus und verkündet bei der BBC, dass der Chemieriese jetzt Verantwortung übernimmt für die Opfer der Bophal-Katastrophe von 1984, als Giftgas austrat und tausende starben. Die Aktionen gehen von gruslig (ein goldenes Skelett für die internationale Bankengemeinschaft) über eklig (Kerzen aus Menschenfleisch) bis lächerlich (ein bulliger madenähnlicher Schutzanzug gegen die Klimakatastrophe). Das alles ansprechend ironisch präsentiert, mit vielen kleinen und großen Gags. Das haben sie wirklich ganz gut gemacht, super Unterhaltung für die, die sich hilflos fühlen angesichts von Finanzkrise, Klimakatastrophe und Globalisierung. Ein Film für Gleichgesinnte, natürlich; aber immerhin wissen Bichlbaum und Bonanno, dass im großen Ganzen alles nichts nützt. Zur Obama-Wahl verteilten sie eine Fake-New York Times mit der Schlagzeile „Iraq War Ends“ und weiteren hoffnungsvollen Meldungen dessen, was gut und richtig und wichtig und möglich wäre. Wenn sich was ändern würde.
Katrina auch in Bertrand Taverniers Südstaaten-„Thriller“ „In the Electric Mist“, in dem Tommy Lee Jones, welche Überraschung, mal wieder einen Killer jagt. Da wird der Wirbelsturm als eine Art Metapher benutzt für das ganze Durcheinander und Umgestülpe von Vergangenheit und Gegenwart und Lebenden und Toten. Ein erschossener Nigger aus den 60ern spielt ebenso eine Rolle wie ein Serienkiller der Gegenwart und eine Hollywoodfilmproduktion, die von John Goodman als mafiaähnlichem Paten bezahlt wird. Und T. L. Jones ist Alkoholiker und sieht einen General aus dem Bürgerkrieg, der ihm Tipps gibt. Wird immer wieder philosophisch bis poetisch und dann wieder gewalttätig. Und weiß am Ende plötzlich, wer der Killer ist, was aber gar keine richtige Auflösung ist und eigentlich sowieso egal. Atmosphärisch ist das ganz ordentlich gearbeitet, mit Handlung hat man sich halt nciht weiter beschäftigt. Gezeigt wurde hier der Directors Cut des Films, der schon 2007 gedreht wurde und um den Tavernier und die Produzenten dann ziemlich gestritten haben.
Kollege S. (ich sag nicht,welcher) hat übrigens gestern in seinen geheimen Produzentencut reingesehen, der kürzer ist, mit anderem und offenbar klarerem Anfang, am Ende im Schnitt etwas anders angeordnet (so dass doch noch alle Personen, die unterwegs verloren wurden, wieder auftauchen); und mit etwas weniger des Voice-Over-Kommentars von Jones, der halt doch etwas nervt. Vielleicht also ist hier die US-Schnittversion tatsächlich besser...
muehlbeyer - 9. Feb, 15:14
i-public - 9. Feb, 15:14
Hmm. Also doch Massenblog. Auch gut.
Kollege S. hat sich ein bisschen damit hervorgetan, dass er verkündet hat, für seinen Berlinale-Vorbericht den Begriff Tykwer-Festspiele erfunden zu haben. Weil Eröffnungsfilm und „Deutschland 09“ und irgendwas bei der Retro, überall steckt der Tykwer drin... Ich hab S. dann gleich geprüft und eine ganz ganz schwierige Frage nach einem weiteren mit Tommy T. assoziierten Film gefragt – die Antwort wusste er natürlich nicht.
’s war mein erster Film heute und der erste der Berlinale überhaupt: „Mitte Ende August“ von Sebastian Schipper, mit einem extradicken Spezialdank für Tom Tykwer im Abspann. Wofür – danach müsste man den Herrn Schipper selber fragen...
Er kann jedenfalls ganz großartig mit Figuren umgehen und mit Atmosphäre, mit dem Raum, in dem sich die Figuren bewegen – ein höchst renovierungsbedürftiges Haus, das sich Tommy und Hanna gekauft haben als Sommerrefugium. Ihr Liebes- und Lebensglück aber wird zerbrechlich, als Tommys Bruder und Hannas junge Patentochter ankommen. Schipper hat sich dabei Goethes Wahlverwandtschaften genommen, aber vollkommen transferiert in ein modernes Liebesdrama mit einigen komischen Tendenzen. Milan Peschel, der den Tommy spielt, der munter drauflosplappert wie immer und hinter dem die Tragik des großen Pläneschmiedes steckt, der nichts vollendet. Oder Hannas Vater, der auch irgendwann im Super-Sportwagen auftaucht und den großen Maxe gibt.
Schipper erzählt dabei bemerkenswerterweise kaum über Dialoge – es reichen Blicke, oder die Anordnung der Personen im Raum, oder die Musik.
Tykwers Dialoge dagegen! Oh Mann. Wenn sie nur redundant wären. Aber sie sind auch schlichtweg platt, klischeehaft, schon tausendmal gehört. Dazu eine Story, löchrig wie Käse (was der Film letztendlich auch ist), ohne Atmosphäre, ohne Spannung. Tykwer nimmt sich für nichts Zeit, Clive Owen hetzt durch den Film von Spur zu Spur. Wobei eigentlich alles ganz einfach ist, weil schlicht eines zum anderen führt, zur Not per Zufall, und sich das Buch mit so was wie falschen Fährten gar nicht aufhält. Wie ohnehin alles ziemlich ohne Spannung daherkommt, weil man halt noch sechs, sieben Drehbuchfassungen hätte abwarten sollen. Und weil man, um Suspense zu erzeugen, nicht einfach läppisch was hininszenieren kann. Da muss man sorgfältig arbeiten, da kann man nicht einfach einen Killer mit Gewehr zeigen und ein Opfer auf einer politischen Bühne, und dann nach Stoppuhr: Peng. Da sollte halt schon einer der Guten vom Attentatsplan wissen und ihn zu verhindern suchen, sonst kann mans auch weglassen. Wie man auch die Figur der Naomi Watts komplett hätte rausstreichen können; sie trägt nichts bei und steht nur einem anderen Aspekt im Weg, der wie so vieles ziemlich unverbunden mit dem Rest dasteht: Owen als lonely wolf, der sich in den Fall einer hochkriminellen Bank verbissen hat.
Das beste ist irgendwann nach zwei Dritteln eine 007-mäßige Ballerei im Guggenheimmuseum, wo plötzlich zehn mit MPs bewaffnete Killer auftauchen, um (unauffällig(!)) zwei Leute zu bringen. Hach, da geht’s zu Sache. Hat halt nur nichts mit dem Rest zu tun...
muehlbeyer - 5. Feb, 22:47
muehlbeyer - 5. Feb, 18:58

Herzlich Willkommen im diesjährigen epd Film-Berlinale-Blog. Diesmal soll er in ganz personalisierter Form sein. Heißt: Jeder Autor wird einen eigenen Blog bekommen (was im Laufe des Tages eingerichtet werden soll) – was für mich eine noch vergrößerte Herausforderung ist, weil ich mich mit meinen Einlassungen nun nicht mehr hinter vielen anderen Autoren verstecken kann… Ich werde jedenfalls versuchen, recht überlegte Einträge zu liefern ohne husch-husch – man hat halt immer das Problem, dass der Schreiberling-Pool des Pressezentrums sehr voll und an den Express-Rechnern nur eine Viertelstunde Zeit ist. Diesmal hab ich meinen Laptop dabei, mal sehen, wie ich den einsetzen kann zwischen den Filmen.
Es ging ja in den ersten Monaten des letzten Jahres das Gerücht um, wegen des Drehbuchautorenstreits (erinnert sich jemand?) könnte der diesjährige Berlinale-Jahrgang außergewöhnlich gut werden. Weil ja viele US-Filmproduktionen um Monate verschoben wurden und, so hat man berechnet, just zum Jahresanfang 09 fertig werden müssten… Was sich ja als wahr herausgestellt hat, in den nächsten Wochen kommt eine Flut bemerkenswerter Filme aus Hollywood herübergeschwappt. Ob die Berlinale-Bucht ein paar auffangen kann? Oder ob alle direkt in den Oscar-Hafen einfließen und an Berlin abperlen wie Öl auf zu dick aufgetragenem Metaphernsalat?
Auf die Juryentscheidungen in diesem Jahr bin ich gespannt. Werden Präsidentin Tilda Swinton und ihr vormaliger Gspusi Christoph Schlingensief in Richtung Independent, gar Avantgarde/Grotesk tendieren? Epd-Film-Autor Dietrich Kuhlbrodt, Standardspieler in der Schlingensieftruppe, kann davon erzählen, wie er damals, bei der Berlinale 86, den Schlingensief- und den Derek Jarman-Clan zusammenbrachte. Schlingensief drehte dann, im März 86 schon, den eiskalt-kitschigen „Egomania“ (der übrigens, aus gegebenem Anlass, derzeit im Berliner Central-Kino wiederaufgeführt wird).
Der sonst immer übliche Afrika-Betroffenheits-Kitschfilm scheint diesmal jedenfalls nicht im Wettbewerb vertreten zu sein; dabei hätte Schlingensief, der ja auch Afrika-Aficionado ist, zusammen mit dem (mir völlig unbekannten) Filmemacher und Jurymitglied Gaston Kaboré aus Burkina Faso eine starke Fraktion bilden können --- doch bevor ich mich wieder in die haltlosen Spekulationen dessen, der sich eigentlich und im Grunde überhaupt nicht auskennt, verfange, geh ich jetzt mal lieber los.
In einer halben Stunde fängt mein erster Film an. Und ich hab noch kein Akkreditierungsbadge.
i-public - 5. Feb, 16:04